Spiritualität – roter Faden in meinem Leben

Alexandra Cordes-Guth hat zur Blogparade aufgerufen mit dem Thema #Spiritualität-was-trägt-mich-wirklich. Ihr Impuls “Spiritualität erfahrbar machen durch persönliche Geschichten” spricht mich besonders an.

Also schreibe ich hier über meine persönliche Spiritualität, den feinen roten Faden, der sich durch mein Leben zieht und mir kaum spürbar Halt gibt. Ich nehme dich mit auf meine Erinnerungsreise in die Vergangenheit.

Spiritualität und der Duft von Weißdorn

Erinnerungen

Sind Glaube und Spiritualität dasselbe oder sind sie völlig unabhängig voneinander? Vielleicht verbinden sie sich zu dem roten Faden, der den individuellen Lebensweg zusammenbindet.

Wenn ich zurückdenke, wo meine Spiritualität begonnen hat, erinnern sich
meine Füße an lange Wanderungen
meine Nase an den Duft von Weißdornblüten
meine Augen an das Licht flackernder Kerzen in einer kleinen Kapelle
mein Rücken an das Gewicht der dicken Jerusalem-Bibel im Rucksack
meine Schultern an das Schlafen auf harten, kalten Böden
meine Ohren daran, wie gut Schweigen beim Gehen tut

Wurzeln, die immer wieder austreiben wie Brombeeren im Garten, wirst Du nicht so leicht los. Gerade die Teenie-Zeit prägt uns, wir werden uns unserer Talente bewusst, stellen fest, was wir gerne tun und wie wir uns die Zukunft vorstellen und sprechen dann manchmal nicht nur von Beruf, sondern auch von Berufung.

Das kann ein einziger Beruf für das ganze Arbeitsleben sein. Oder ein roter Faden, der sich durch kurze und lange Abschnitte schlängelt, die auf den ersten Blick weit auseinander liegen – und doch zusammen ein Ganzes ergeben.

Spiritualität im Teenie-Alter

Wie alles begann

Meine Spiritualität hat ihre Wurzeln in der Oberstufe, alles begann im Herbst 1973. Ich besuchte ein von Ordensschwestern geführtes Mädchengymnasium. Nach den Exerzitien in der 10. Klasse gründete sich ein Gebetskreis um einen charismatischen Priester. Mit einer Gruppe von 8 oder 9 Schülerinnen trafen wir uns von da an einmal in der Woche. Es war die Zeit, in der meditieren “in” wurde.

Ich war im katholischen Umfeld groß geworden, und kam als einzige in der Klassenstufe aus einem Arbeiterhaushalt. Kein Geld für große Pläne, keine Freiheit für viele Abenteuer. Aber Raum und Zeit für den Gebetskreis einmal in der Woche, der keinen finanziellen Einsatz erforderte.
Eine Stunde im Lotus- oder Fersensitz, oder auf einem Gebetsbänkchen meditieren, Psalmen lesen, klösterliches Chorgebet singen und manchmal auch moderne Kirchenmusik mit Gitarrenbegleitung.

Viele fanden uns merkwürdig, aber innerhalb der kleinen Gruppe herrschte ein tolles Gemeinschaftsgefühl.

Spiritualität Schritt für Schritt

Von der Rhön bis nach Rom

Ich erinnere mich an viele Stunden in der Kapelle eines ökumenischen Tagungshauses mitten in der Rhön. Herrliche Landschaft, wunderschöne Atmosphäre. Versunken in Meditation, in Stille, suchte ich meinen Glauben, versuchte, eine Beziehung zu Gott aufzubauen. Besonders in der Karwoche und über Ostern gab es ausufernde, stundenlange Liturgien, Nächte voller Rituale und Tage voller Küchenarbeit im Schweigen. Und Spaziergänge zwischen Feldern und Streuobstwiesen mit Hecken aus Weißdorn.

Dreh- und Angelpunkt des Gebetskreises waren Wochenendfahrten in das “Haus der Stille” und die jährlichen Pilgerreisen nach Italien. 24 Stunden Zugfahrt von Kassel nach Assisi und dann in 10 Tagen zu Fuß nach Rom. 15 bis 20 Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren.

Heute laufen alle den Jakobsweg – wir liefen durch Umbrien. Der Rucksack war gefüllt mit Gaskartuschen, Gaskocher, großem Topf, der dicken Bibel und ein paar Konserven. Hinzu gekauft wurde vor Ort Weißbrot, ein paar Tomaten, eine große Melone und natürlich Nudeln. Jeden Tag gab es Weißbrot mit Erdbeermarmelade um 4:00 Uhr zum Frühstück und abends Nudeln mit Tomatensauce (= Tomatenmark in Wasser aufgelöst). 20 Kilometer Marsch pro Tag und am Ende jeden Tages nochmal ein paar hundert Höhenmeter, weil irgendwie alle Orte in Umbrien auf einem Berg liegen.
Wanderin mit Rucksack in Berglandschaft
Quelle: arsEdition; Getty Images/Poike

Spiritualität ist nicht immer bequem

Askese und Dankbarkeit

Die Tagesstruktur während des Pilgerns kann man als klösterlich bezeichnen: Stundengebete morgens, mittags, abends, viel singen und gehen im Schweigen.

Dort begann meine Liebe für das Gehen langer Strecken und die Erfahrung, dass sich beim Laufen auch die Gedanken bewegen, dass ich mich auch in meinem Kopf bewege. Es ging nicht um Tempo, sondern um Ankommen, Durchhalten und ein Ziel erreichen.

Geschlafen wurde in Kindergärten und in Scheunen. Wir hatten nur leicht gepolsterte Baumwollschlafsäcke dabei, keine Isomatten, keine Daunen. Gewaschen wurde sich an Kinderwaschbecken in den Kitas und eine Dusche sahen wir unterwegs nicht ein einziges Mal.

Das Gefühl bei der Ankunft in Rom, beim ersten Blick auf den Petersdom, nach 200 Kilometern war unvergleichlich und jeden Schweißtropfen und jede Blase am Fuß wert.

Mich arrangieren mit dem, was ist, dankbar auch für die kleinen, ja winzigen Dinge sein, Freude und Zufriedenheit spüren, unabhängig von Konsum und finanziellem Reichtum, das prägte meine Einstellung zum Geld und zum Umgehen mit finanziellen Schwächeperioden nachhaltig.

Es war eine Fortsetzung der Erfahrungen in der Kindheit und ermöglichte mir später immer, mich in meinen beruflichen Entscheidungen frei zu fühlen.

Spiritualität wird erwachsen

Zwischen Sekte und Wissenschaft

Aus meinem eigentlichen Berufswunsch „Lehrerin“ wurde – insbesondere aufgrund der damals herrschenden Lehrerschwemme (ja – das hieß tatsächlich so) das Studium der Religionspädagogik, das sich nahtlos an Mädchengymnasium und Gebetskreis anschloss.

Ich kam im ersten Semester mit vielen esoterischen Ideen an – und traf auf sehr geerdete KommilitonInnen und die Realität. Ich musste mir eingestehen, dass ich in diesem Gebetskreis in einer sektenähnlichen Blase gelebt hatte und mein Sichtfenster auf Gott und die Welt sehr klein gewesen war. Scheuklappen-Mentalität.

In Paderborn, am Anfang des Studiums, war ich also erneut auf der Suche.
Alles lag in Scherben:
– meine bisherigen Überzeugungen, die Bibel betreffend, insbesondere die wörtliche Auslegung
– der Fokus auf strengste Regeln der Kirche, auf Verzicht, Begrenzung und einen strafenden, fordernden Gott
=> Spiritualität und Glaube brauchten einen Neuanfang.

In meinem Lieblingsfach Exegese (Bibelkunde) nahm der Schweizer Professor die Bibel bereits im ersten Semester komplett auseinander und zerstörte viele Mythen in meinem Kopf. Nach den ersten beiden Semestern besorgte ich mir große Stapel Literatur in der deutschen Bibliothek in München (nee – Internet war noch nicht …) und verbiss mich regelrecht in sämtliche Forschungen über das Thema, ob Jesus wirklich gelebt hatte oder nicht.

Meine Glaubens-Welt wurde komplett umgekrempelt. Die für mich völlig neuen Informationen über Moraltheologie (was man laut Kirche “darf” und was nicht) und Kirchengeschichte (u. a. komprimierte Betrachtung der Verfehlungen sämtlicher Kirchenmänner seit Beginn der christlichen Zeitrechnung) trugen mit dazu bei. Es war Zeit, mein Glaubens-Puzzle Stück für Stück neu zusammenzusetzen.

Und was wurde aus meiner Spiritualität? Warum habe ich nicht alles hingeworfen?

Weil ich eine neue Form des gelebten Glaubens kennenlernte, voller Mitmenschlichkeit, Fröhlichkeit und Freiheit. Die oft zitierte „Frohe Botschaft“ fühlte sich endlich auch genauso an. Glaube wurde miteinander gefeiert!

Ich schrieb meine Diplomarbeit über das Thema “Lebendige Gemeinde durch lebendigen Gottesdienst” – und mit der Lebendigkeit und der Freude habe ich es auch heute noch; schließlich ist es mir ein Herzensanliegen, Lebensfreude zu verbreiten.


mehr dazu in meinem Blogbeitrag über Rituale

Spiritualität und Kirche

Haarnadelkurve im Lebensweg

Mit Anfang 20 trat ich meine erste Stelle bei der Kirche an. In einem kleinen erzkatholischen Dorf stand ich zwar unter ständiger Beobachtung aller Bewohner (=Kirchenmitglieder), aber die Inhalte passten sehr gut zu mir: kreative Gestaltung von Gottesdiensten, Begleitung von Kinder- und Jugendgruppen, Religionsunterricht, musikalische Ausgestaltungen, Gespräche über Sinn und Glauben …

Von Anfang an war deutlich spürbar, dass die Tendenzklauseln der Kirche und ich nicht lebenslang miteinander klarkommen würden. Ich sicherte mich mit einem berufsbegleitenden Zweitstudium ab (Diplom-Pädagogik) und wurde damit vom Arbeitgeber Kirche unabhängig.

Das war bitter nötig, denn anlässlich meiner Schwangerschaft trennten sich die Kirche und ich sehr bald beruflich. Die Erlebnisse in dem resultierenden Arbeitsgerichts-Verfahren gehören zu den Gründen, aus denen ich heute nicht mehr Kirchen-Mitglied bin.

Mein eigener Glauben wurde davon nicht tangiert, lediglich der Umgang mit der Institution Kirche hatte sich geändert. Meine Spiritualität hat nicht darunter gelitten, dass mein Lebensweg sich von der Kirche und von der beruflichen Vermittlung von Glaubensinhalten wegbewegt hat.

Spiritualität heute

Coaching und SeelenFürsorge

Nach vielen anderen beruflichen Stationen auf meinem regenbogenbunten Lebensweg erlebe ich mich heute, über 40 Jahre später, wieder – oder vielleicht sogar immer noch – in Gesprächen über Sinn und Hoffnung, über Akzeptanz, Zufriedenheit, Lebensgestaltung, Lebensfreude und Zuversicht. Ich halte Vorträge darüber und schreibe Blogbeiträge wie diesen hier.

Den Begriff „SeelenFürsorge“ habe ich vor einiger Zeit für das kreiert, was ich Menschen anbiete. Das, was der Seele und damit dem ganzen Menschen guttut. Was ihn stützt, von innen nährt und zu sich selbst finden lässt.

Mit Gedanken, Worten, Bildern und Tönen, von der Überzeugung getragen „Du bist wertvoll – so wie Du bist!

Das ist mein Fundament, mein Halt:
– der feste Glaube daran, dass alles einen Sinn ergibt
– dass jeder Mensch wertvoll und gewollt ist – so, wie er oder sie ist
ohne Leistungserwartung oder Wohlverhalten als Bedingung


mehr dazu in meinem Blogbeitrag über Coaching und Seelen-Fürsorge

Spiritualität heißt unterwegs sein

Roter Faden Lebensweg

Leben heißt
… sich auf den Weg machen, auf dem Weg bleiben, einen neuen Weg suchen
… Hürden überwinden und Flüsse überqueren
… Hügel und Steigungen bewältigen, Schlaglöcher umgehen, auch mal stehen bleiben
… zurückschauen, vielleicht ein paar Meter zurückgehen

Was trägt mich im Leben?
Ist es der Glaube, die Lebenserfahrung, meine Intuition, das Vertrauen in einen großen Plan?
Was genau trägt mich eigentlich wirklich?
Vielleicht ist es tatsächlich das, was ich Spiritualität nenne.

Ich stelle sie mir vor wie den Roten Faden meines Lebens auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. So wie unser Leben immer in Bewegung ist, so ist auch meine Spiritualität mit mir auf dem Weg. Der rote Faden wird mal dicker und stabiler, mal bunter und mal verknotet er sich oder wird aufgeraut durch die scharfen Kanten, an denen er entlangläuft.

Spiritualität heißt für mich
=> Akzeptieren – tief und radikal – dass ich nie weiß, wie es weitergeht
=> Und gleichzeitig die Zuversicht spüren, dass es weitergeht

Und irgendwie habe ich diese Gewissheit wohl (auch) zwischen Assisi und Rom gefunden.

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