Goldenes Abitur
Eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit
Was erwartet man bei einem Klassentreffen nach 50 Jahren? Und wer ist eigentlich “man” … Sicher ist: die Erwartungen sind höchst individuell.

Die Schule lädt ein zum goldenen Abitur und gespannt gehe ich hin.
Betrete den Schulhof durch den schönen Empfangsbogen, fühle mich willkommen.
Ein paar sind schon da. Aus der Entfernung prüfe ich die Gesichter und Silhouetten auf Erinnerung in meinem Kopf.
Ja – diese Frisur kenne ich, und die Körperhaltung auch. Der Name fällt mir sofort ein – und dazu der passende Spruch “du hast dich gar nicht verändert”. Ist das eigentlich ein Kompliment oder eine Beleidigung? Wohl eher ein erleichterter Seufzer – ich kenne jemanden, ich gehöre wohl gerade hierher. Die Frau neben ihr ist mir genauso bekannt – und so geht es mir auch mit einer Reihe weiterer Personen.
Andere wecken in mir überhaupt nichts auf. Bis sie etwas sagen. Die Stimme – ja genau, die ist es, die mich zurückbeamt in die Zeit vor fünf Jahrzehnten. Wow!
Aber ganz ehrlich – diesen Schweizer Akzent, den hatte sie “damals” noch nicht – aber die Stimme – sie war im Chor die tragende Stimme im zweiten Alt und wir haben viel musikalische Zeit miteinander verbracht – nicht nur reine Wissensvermittlungszeit im Klassenverband.
Ich freue mich über Menschen, die auch mich wiedererkennen – ein bisschen kindisch, ich weiß, aber ich bin ja gerade auch wieder in ein Stück Kindheit zurückgekehrt.
Namen? nun ja – einige weiß ich sofort, bei anderen entfährt mir ein „ah-ja“ als sie auf Nachfrage ihren Namen nennen. Umgekehrt genauso. Macht nix – der Mensch dahinter zählt mehr als der Name. Peinlich, dass ich am zweiten Tag des Treffens schon wieder nachfragen muss – manches bleibt einfach nicht hängen.
Aufmerksam und mit viel Interesse lauschen wir den Informationen des Schulleiters, Herrn Prinz, über das, was heute neu und besonders ist an der Engelsburg. Wie mit aktuellen Themen und Herausforderungen umgegangen wird – vor allem auch mit den wirtschaftlichen. Ich stelle fest, wie privilegiert ich damals war, denn das heutige verpflichtende Schulgeld hätten sich meine Eltern niemals leisten können. Ich war das einzige Arbeiterkind meiner Klassenstufe und darauf schon immer sehr stolz. Heute ist Bildung in Deutschland eben noch mehr Geldsache als damals.
Ein Rundgang durch die Schule und ihre alten und neuen Gebäude weckt Erinnerungen und löst Staunen aus. Offene Klassenraumgestaltung, Lerntreffs – ja das ist Zukunftsschule und dringend nötig.
Der Abend ist einzelnen Gesprächen gewidmet, beim Warten aufs Essen. Immerhin brauchen wir zwei Stunden Geduld, bis alle 35 hungrigen Mäuler mit Pasta, Pizza und Salat gefüllt sind. Macht nichts – die Stimmen sind lauter als das Magenknurren.
Ich führe ein Gespräch mit einer Tiefe, die in den letzten Jahren nicht häufig war – mit einer Frau, die ich als zartes scheues Reh in Erinnerung hatte und die – das bestätigt auch ihr Mann – heute alles andere als ein Reh ist. Stark, durch die Hölle gegangen und dadurch noch stärker geworden. Bewundernswert. Ich bin soo dankbar, sie wieder getroffen zu haben. Ihre Mailadresse nehme ich mit – noch einmal 50 Jahre Kontakt-Pause wollen wir nicht.

Am zweiten Tag strapazieren wir Gelenke und Muskeln auf einem Documenta-Spaziergang durch Kassel. Viel Zeit, um beim Gehen nebenbei zu schwätzen oder den Gedanken nachzuhängen. Die abschließende Einkehr an der Fulda bietet nochmal Raum zum Austausch und sanften Ausklingen.
Was nehme ich mit? vier Mailadressen. Von Frauen, die mir in der erneuten Begegnung wichtig waren. Keine Komplettliste, kein “wir sehen uns alle bald wieder”, kein Austausch von Floskeln und keine gegenseitigen Erwartungen. Aber ein großes Paket Dankbarkeit – für dieses Treffen und für alle Begegnungen.
mehr Informationen zur Engelsburg in Kassel findest Du auf ihrer Website
Bilder: Lydia G. Gajewsky, keine Verwendung von KI

Ich bin Theologin, Pädagogin und Coach
und auch Künstlerin, Bloggerin und Wahl-Ostfriesin.
Mit viel Herz zum Zuhören, Trösten, Mut machen und Fragen stellen
motiviere ich, unterstütze beim Gedanken sortieren und verbreite Freude.
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