… nicht so gemeint …

Die drei Siebe des Sokrates

Beim Aufschreiben der Geschichte fiel mir diese Parabel ein, in der es um achtsame Kommunikation geht.

„Wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!


🟠 Ist meine Geschichte „wahr“?
Nun ja – jede/r Beteiligte definiert „Wahrheit“ unterschiedlich.

🟠 Ist meine Geschichte „notwendig“?
Ja, für meinen eigenen Lernfortschritt – und als „Aha-Effekt“ vielleicht auch für Dich.

🟠 Ist meine Geschichte „gut“?
Das mögen die Lesenden beurteilen.

… das war ja nicht so gemeint …

Das hören wir oft, sagen wir oft, denken es oft und nichts davon hilft uns weiter.
Es mag ja sein, dass der eine oder die andere es nicht so gemeint hat, wie es bei uns angekommen ist, aber verletzt sind wir trotzdem.

Und jetzt? Was machen wir damit? Ist es nicht noch schlimmer zu wissen, der andere hat es gar nicht so gemeint, wie es angekommen ist? Jetzt können wir uns gar nicht gegen eine Ungerechtigkeit wehren, haben kein Gegenüber, an dem wir uns abarbeiten, auf das wir schimpfen können oder mit dem wir vielleicht noch mal in die Diskussion gehen.

Wenn wir schon genau wissen, dass der oder die andere es gar nicht so gemeint hat, sondern es nur bei uns so angekommen ist, dann fühlt es sich schnell so an, als läge die Aufgabe, der schwarze Peter, wieder bei uns im Feld. Wieder einmal glauben wir, wir sind schuld daran, dass es nicht glatt läuft.

Das bekannte Programm der Selbstvorwürfe wird abgespult:
📌 Ich bin die Ursache
📌 Ich selbst kann und muss das “reparieren”
📌 Ich bin in der Verantwortung und der andere nicht

Nein – das ist zu einfach.
Ich möchte das an einem ganz praktischen Beispiel aus meinem Leben aufzeigen.

Die Geschichte von hire & fire

Im November erreicht mich die Chat-Anfrage meines Sohnes “was machst du in den nächsten drei, vier Monaten eigentlich vormittags?”

Die Physiopraxis, in der er arbeitet, braucht ab sofort eine Krankheitsvertretung für die spontan ausfallende Rezeptionskraft. Als Rentnerin und Langschläferin habe ich morgens durchaus Platz im Kalender. Vom Fach bin ich nicht, aber vor Menschen, dem Telefonieren oder dem Erlernen einer neuen PC-Anwendung habe ich mich noch nie gefürchtet. Spaß an Neuem und Organisationsfähigkeit bringe ich sowieso mit.

Für ein Vierteljahr mal was anderes machen – warum nicht – ist ja überschaubar! Ich sage mal zu. Am nächsten Tag erhalte ich eine “Einarbeitung” von zwei Stunden Dauer von der bisherigen Kraft. Am übernächsten Tag beginnt mein Solo-Programm “trial & error”.

Neun Monate später bin ich immer noch dort. Monate, in denen ich drei Stunden vor meiner Komfortzone aufstehe, mich durch Schnee und Eis kämpfe, Telefonmarathons absolviere, um Terminausfälle wegen Mitarbeitererkrankungen an die Patient*innen weiterzugeben und Prozessabläufe vorsichtig flüssiger gestalte. Irgendwann alles Routine – auch die hoffnungslos veraltete Software, die von ergonomischer Usability noch nix gehört hat.

Mein Engagement ist ausgeprägt – wie bei allem, was ich anfasse, gebe ich ein bisschen mehr als “nur” 100%. Zuviel Arbeit in zu wenig Stunden – dieses Problem bleibt, aber alles andere läuft gut. Meine Bitte an die Chefin – nennen wir sie hier der Einfachheit halber mal Frau Müller – nach Prioritätensetzung wird lapidar mit “alles ist wichtig” beantwortet (ja – tatsächlich wie im schlechten Film).

Jede Nachfrage, wann denn die Stamm-Mitarbeiterin wiederkommt, wird mit Schulterzucken beantwortet. Sie hatte deutlich mehr Stunden für die Arbeit, meine Grenzen stecken die gesetzliche Vorgabe des Minijobs und des Mindestlohns.

Ich flechte in den letzten Wochen mehrmals in Gespräche ein, dass ich “irgendwann” wieder mehr Zeit für meine eigenen Projekte haben möchte, die ich gerade auf Sparflamme gesetzt habe, und äußere meinen Wunsch-Umfang für die Zukunft: Statt an drei Vormittagen pro Woche für je vier Stunden möchte ich an zwei Vormittagen für drei Stunden kommen.

Ganz aussteigen will ich gar nicht. Der Kontakt mit Kollegen und Patienten tut mir gut. Der Zusatzverdienst beruhigt mein Konto, das zwischen Renteneingang und den Abbuchungen des Energieversorgers oft schwankt wie ein Ozeanriese bei Windstärke 9.

Vor zwei Wochen informiert Frau Müller mich an einem Donnerstag, dass am darauf folgenden Montag und Dienstag jemand zum Schnupper-Arbeiten kommt. Ich soll die Person für meine zwei bevorstehenden Urlaubswochen einweisen.

Der Montag läuft gut. Die Interessentin, hier nenne ich sie mal Frau Meyer, schreibt jeden Klick haarklein mit. Könnte was werden. Ich frage, ob sie auch auf Minijob Basis oder sozialversicherungspflichtig arbeiten will. Das sei noch offen, heißt es. Wir kommen gut miteinander klar – ich kann mir ein abwechselndes Arbeiten und eine geteilte Stelle gut vorstellen.

Der Dienstag beginnt ähnlich. Bis die Sprache auf Donnerstag kommt. Da soll nach meiner Kenntnis Frau Meyer dann alleine übernehmen, wenn ich für ein paar Tage nicht da bin. Sie weiß nichts von diesem Plan. In einem gemeinsamen Telefonat mit Frau Müller überrascht diese uns dann beide mit der Information, dass ab sofort Frau Meyer den Job an vier Vormittagen übernimmt und ich meine aufgelaufenen Überstunden im September noch ausgezahlt bekomme.

Dein Geld für September bekommst Du natürlich noch” ist der Schluss-Satz. Meine Frage, wann (ob?) ich wieder kommen soll, wird mit “das weiß ich jetzt noch nicht” beantwortet.
Telefonat beendet.

Oooooops … wir sind beide sprachlos.
Mit Patienten um uns herum ist der Zeitpunkt für eine sofortige Klärung ungünstig. Wir verdauen die Botschaft stumm und versuchen, einzuordnen, ob wir das gerade richtig gehört und verstanden haben. Frau Meyer erzählt, dass sie bisher weder einen Vertrag erhalten hat, noch habe sie entschieden, ob sie bleiben möchte.

In mir brodelt ein Vulkan. Ich bin stinksauer, verletzt, fühle mich ausgenutzt – und ärgere mich wie üblich über mich selbst.
Im Inneren Team läuft wieder das Standard-Programm “ich bin ja selbst daran Schuld, dass ich unzufrieden bin”.

Ich höre Stimmen:
📢 fürs ausgenutzt werden bist du selbst verantwortlich
📢 du wolltest doch kürzer treten – sei froh, jetzt hast du wieder mehr Freizeit
📢 da hast du dich mal wieder nicht klar genug ausgedrückt
📢 Mensch, du wirst in knapp zwei Jahren siebzig und lässt dich immer noch über den Tisch ziehen – lächerlich
📢 und wieder einmal machst du dir mit deinem Anerkennungsstreben das Leben schwer
📢 Frau Müller denkt halt grundsätzlich nur ans Finanzielle, Kommunikation kann sie einfach nicht.

Wohin mit meinem Frust, frage ich mich auf dem Heimweg. Wütend male ich mir aus, wie ich den Praxisschlüssel einfach in den Briefkasten werfe, aus der WhatsApp Gruppe der Praxis aussteige, oder … und da geht mir dann langsam die Phantasie für zornige Reaktionen aus.

Kann ich sowieso nur gut in der Theorie – in der realen Welt ist mein Aggressionspotenzial gegen andere äußerst gering.

Raus mit dem Ärger – oder lieber nicht?

Zwar würde ich am liebsten jedem in meinem Umfeld erzählen, wie “böse” mir gerade wieder einmal mitgespielt wurde, wie ungerecht die Welt ist und dass sich Engagement einfach nie auszahlt – aber da greifen gottseidank meine erlernten STOP-Mechanismen.

Meine Erfahrung lehrt mich, dass das ständige Wieder-Erzählen einer Situation und wie ich mich dabei gefühlt habe, zu einem Wieder-Erleben führt. Ich spüre erneut die Empörung, den Ärger, die Ent-Täuschung. Das tut mir nicht gut und verlängert die negativen Empfindungen unnötig. Es kann ja schließlich nicht mein Ziel sein, möglichst lange meine Lebensfreude durch eine Endlos-Schleife des Ärgers zu reduzieren.

Ist es überhaupt hilfreich, die eigenen Ärger-Erlebnisse zu erzählen? Welches Ziel verfolge ich denn damit? Ich möchte ein bisschen Mitgefühl, eine Solidarisierungskampagne gegen “die bösen anderen”. Ziemlich Kindergarten …

Natürlich verstehe ich dieses Bedürfnis, aber ist die Maßnahme “allen erzählen, was mir da passiert” wirklich angemessen?

Wütend bleiben? nö

Was erreiche ich tatsächlich damit?
Auch hierzu gibt es genügend Erfahrungswerte. Ich werde Rat-Schläge erhalten, unangenehme Rückfragen, Allgemeinplätze, dass die Zeit alle Wunden heilt, etc.

Und über die meisten dieser Rückmeldungen werde ich mich dann auch wieder ärgern. Denn sie lauten ganz sicher so ähnlich wie das, was meine inneren Stimmen mir bereits seit Tagen erzählen – siehe oben.

Nein – so masochistisch bin ich nun doch nicht veranlagt.

In meinen zwei Wochen Auszeit habe ich ja genügend Denk-Zeit; kann nochmal mit gesunkenem Adrenalinspiegel prüfen, was ich selbst tatsächlich will und wieviel Wahrheitsgehalt meine Vermutungen haben, wie Frau Müller das gemeint haben könnte.

Sie hat es ja nicht so gemeint (?)

Ich treffe Frau Müller drei Tage später mehr oder weniger zufällig vor dem Standesamt (mein Sohn heiratet) und frage beiläufig, ob sie meinen Praxisschlüssel haben möchte, den ich dabei habe. Will sie nicht, der Rest des Satzes geht im allgemeinen Bejubeln des Hochzeitspaares unter.

Das klingt wieder völlig anders – ich lasse es stehen und breche die Überlegungen, “wie meint sie das?” schnell ab. Wer weiß, wie die Lage tatsächlich nach Ende meines Urlaubs aussieht.

In der Praxis gibt es keine Teambesprechungen und Frau Müller begegne ich auch immer nur Montags, ansonsten kommunizieren wir ausschließlich per WhatsApp oder Telefon. Guter Nährboden für Missverständnisse. In den neun Monaten habe ich häufig genug erlebt, dass wir aneinander vorbei gedacht und gesprochen haben. Aber ich habe auch erlebt, dass es nie um absichtliches Verletzen ging – maximal um Gedankenlosigkeit.

Nicht zu vergessen – Kommunikation passiert immer auf beiden Seiten. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass meine Botschaft “ich bin überlastet” gedeutet wurde als “sie will raus aus dem Job” und nicht als “bitte schenk mir mal ein bisschen mehr Anerkennung” (was vermutlich eher dahintersteckte).

Wie es weitergeht? Ob ich ab nächste Woche wieder jeden Vormittag ausschlafen kann? Schaun wir mal – ich sehe allen Varianten gelassen entgegen und werde auch die nächsten Gruppendiskussionen des Inneren Teams beobachten, moderieren und im Bedarfsfall abbrechen.

Was mir bleibt …

Die Episode “Praxisaushilfe” hat mir viele Lernmöglichkeiten beschert. Wieder ein paar Facetten aufgezeigt, wie ich selbst ticke, wie ich kommuniziere, wo ich (klarer) reden sollte – und wo schweigen oder zumindest abwarten angebracht sind.

Ich freue mich schon darauf, meine Lern-Schritte aus dem Praxis-Job in den Sperr-Nächten im Dezember noch einmal gezielt anzuschauen. Vielleicht entdecke ich goldene Spuren darin, die mir Linien in die Zukunft malen, an denen ich weiter wachsen kann.

Falls Du jetzt an Deine eigenen Lern-Schritte dieses Jahres denkst, dann wäre vielleicht auch für Dich mein DIY Arbeitsbuch „ALLES HAT SEINE ZEIT“ eine gute Begleitung.
Schau doch mal in die Beschreibung – vielleicht passt es ja für Dich – ich sende es Dir gerne zu.

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