Fallobst

Alle Lagerplätze sind voll belegt. Der alte klappbare Dinett-Teewagen mit seinen drei Etagen, die improvisierte zweistufige Ablage auf der nicht genutzten Gefriertruhe und der mit Brettern zugedeckte alte Gastro-Gasherd.

Alles ordentlich mit Zeitungspapier ausgelegt, darauf die handverlesenen Äpfel ordentlich in Reih und Glied, damit sie sich nicht berühren. In der ersten Reihe die, welche eine kleine Macke haben, so dass man sie im Auge hat, falls sich ihre Farbe verändert und den bevorstehenden Verfall ankündigt.

Vier Apfelbäume haben ihr Bestes gegeben. Quietschgrüne Granny Smith, rotbackige Cox Orange, leicht säuerliche Gravensteiner und auch die hartschaligen Boskopp sind dabei. Ein unvergleichlicher Duft breitet sich aus.

Ich bin froh, dass die Erntezeit vorbei ist. Die Bäume haben unfassbar viel getragen. Viele Äste hingen bis zum Boden – Igelparadies!
 
Die Schule hat sich schon eine große Menge für ihr Apfelprojekt geholt, das gemeinsame Pflücken mit den Kindern im Baum hat viel Spaß gemacht. Zum Schluss wurde geschüttelt und aufgelesen. Jetzt sehen die Bäume richtig nackt aus.

Nun geht es an den zweiten Teil der Arbeit: Essen.
Äpfel von früh bis spät, denn es soll ja nichts verkommen.

Ein dumpfes Gefühl in der Magengrube gehört zu diesem Gedanken. Erinnerungen steigen auf. Jeden Tag Äpfel essen, nichts verkommen lassen, die Lagerplätze immer gut im Blick behalten – es ist so vertraut. Genau dieses Verhalten kenne ich seit meiner Kindheit.

Für unsere Mutter war jeder Apfel wichtig und seine Verwertung eine Pflichtaufgabe. Nichts verschwenden, keine Lebensmittel verderben lassen. Die harten Zeiten in der Kindheit und Jugend, Hunger im Krieg, schmales Budget als junge Ehefrau haben sie geprägt.

Hat es auch mich geprägt? Ich fühle mich für das, was „meine“ Apfelbäume produzieren, verantwortlich. Heute nennen wir das Nachhaltigkeit, erfinden den Trend „no-food-waste“ – dennoch meldet sich fast niemand auf mein Angebot, kostenlos Äpfel zu pflücken.
 
„Andreas, komm wir sammeln drüben mal ein paar Äpfel auf“, höre ich Mutter in der Bürgistraße sagen. „Drüben“ ist das Grundstück gegenüber dem Mietshaus, in dem sie wohnen. Da fallen die Äpfel unbetreut vom Baum und liegen einfach so am Boden rum. Das erträgt unsere Mutter nicht.
Wie kann man an diesen tollen Äpfeln einfach so vorbeigehen.

Die beiden nehmen zwei Stofftaschen und gehen Äpfel einsammeln. Ausschließlich Fallobst nehmen sie mit. Sie betreten das Grundstück, eine Baulücke, die lediglich eine wilde Wiese und diesen einen Apfelbaum beherbergt, ohne Zögern, sind überzeugt, dass niemand etwas dagegen haben wird, weil sie ja einfach nur Fallobst mitnehmen.

Aus den Falläpfeln wird Apfelkuchen – mit Hefeteig und Streuseln – der wird morgen zum Seniorennachmittag mitgenommen, das hat sie dort zugesagt und alle freuen sich schon drauf. Apfelkuchen ist auch bei mir eine Lieblings-Verwendung der Apfelschwemme.

Unsre Mutter hatte bis zum Umzug ins stationäre Wohnen immer einen Apfel-Lagerplatz auf dem Balkon. Auf Zeitungspapier, im Winter noch mit Zeitung abgedeckt. Jeden Tag wurde mindestens ein Apfel hervorgeholt, den Andreas, mein Bruder, mit „auf Arbeit“ nahm. Dieses Ritual hat er bis heute beibehalten. Kein Arbeitstag ohne Apfel. Der kommt inzwischen allerdings aus dem Supermarkt.
 
Mutters Apfelsammlung auf dem Balkon war manchmal ein ärgerlicher Diskussionspunkt zwischen uns beiden. Das ständige Aussortieren, Schälen, Putzen, Kochen von Apfelmus war mir zu eintönig. Ich wollte nicht jeden Tag Apfelmus, ich wollte auch mal Ananas, Mango, Melone.

Heute sehe ich, wie klug sie gehandelt hat.
Saisonal, regional und nachhaltig – präventiv gesundheitsfördernd, sozial engagiert für die Gemeinschaft.

Und dann stelle ich mich neben diese Erinnerung und entdecke, dass ich es genauso mache.

Ist das nun Sozialisierung oder Weisheit?
entstanden im September 2026
in der Schreibzeit bei Stephanie K. Braun

2 Kommentare zu „Fallobst“

  1. Liebe Lydia,

    ich danke dir für diese Geschichte, die Erinnerungen, die mir leider fremd sind.
    Spannend finde ich den Gedanken, dass einst selbstverständliches nun zu fancy Trends wird.

    Als Kind habe ich mir einen Apfelbaum gewünscht und irgendwann einen bekommen, im Garten meiner Großeltern, ein kleiner Setzling war das. Wie aufregend als der erste Apfel kam, zwei waren es, der eine fiel viel zu früh, den zweiten haben wir gemeinsam gegessen. Es blieb leider bei dieser einen Ernte.

  2. Liebe Stephanie,
    es klingt Trauer zwischen Deinen Zeilen hindurch, oder auch Wehmut. Alles, was wir mit Erinnerungen an (gemeinsames) Essen verbinden, hat automatisch eine körperliche Empfindung mit an Bord. Schmecken, Riechen, Bauchgefühl …
    Danke, dass Du Deine Erinnerung mit-teilst.
    Vielleicht essen wir beide mal einen Apfel zusammen? Oder zwei – weil das online ein bisschen einfacher ist. 😉

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