Meine Jahreskastanie
Im Spätsommer …
beginnt meine Kastanienzeit.
Sobald die Blätter sich bunt färben, warten jedes Jahr meine Jacken- und Manteltaschen voller Vorfreude auf den Tag, an dem die erste kommt; glatt und glänzend, frisch vom Baum und aus der Schale gepurzelt, noch ganz prall und saftig. Irgendwann im August oder spätestens im September ist es so weit, je nachdem, wie heiß der Sommer war.
Ich gehe dann mit besonders aufmerksamem Blick unter Kastanienbäumen hindurch. Und wenn ich sie endlich entdecke, ist sofort dieses kindliche Glücksgefühl wieder da:
Meine erste Kastanie des Jahres!

Jedes Jahr …
brauche ich dieses Ritual.
Die erste Kastanie wird aufgehoben und begleitet mich durch den Herbst und über den Winter. In der Jackentasche oder der Handtasche, in der Mittelkonsole des Autos, eine sogar im Stoffbeutelchen, das meine Schutzschätze enthält: Globuli für wirklich alle Eventualitäten, das Atembüchlein von Anne, der selbst gemalte Schutzball, die Engelkarte von Jutta und ein kleiner Wunschzettel von Karin. Kein Voodoo, einfach nur ein gutes Gefühl, begleitet zu sein.
Manche landen auch auf der Fensterbank oder dem Monitorfuß am Schreibtisch und schrumpeln jahrelang einfach vor sich hin – Sinnbild des Alterns jedes Lebewesens.
Gesammelte Kraft des Sommers komprimiert in einem Riesensamenpaket. Zunächst saftig und kraftvoll, schwinden nach und nach Glanz und pralle Saftigkeit, sie beginnt zu schrumpeln. Als Handschmeichler ist sie dennoch auch über den Winter gut geeignet – oder als Bastelmaterial, als Tierfutter oder zum Heizen.
Meine Jahreskastanie ist sicht- und spürbare Vergänglichkeit der Zeit, Erinnerung daran, dass wir jeden Tag wachsen und reifen und altern.

Die Jahreskastanie 2018 …
ist etwas ganz Besonderes.
Ich erinnere mich noch genau. Sie begegnet mir früh morgens am 24. August. Ich bin auf dem Weg zu meinem Bruder, am Abend zuvor ist unsere Mutter gestorben, wir wollen sie ein letztes Mal sehen und uns von ihr verabschieden.
Da plumpst mir eine kleine Stachelkugel mitten auf dem Weg vor die Füße. Ihr Inhalt hüpft förmlich heraus und kullert rotbraun glänzend noch etwas nach rechts und links; da greife ich schon ganz automatisch nach ihr. Wie immer stellt sich das tröstliche Gefühl ein, sobald ich den Handschmeichler mit meinen Fingern umschließe.
Alles wird gut – anders, aber gut
Diese Kastanie, dieses Kraftpaket, wird mich durch die nächsten schwierigen Wochen begleiten.
Wie einen Schatz hüte ich sie, nehme sie mit in die nächsten Wochen und Monate, poliere sie mit meinen Händen, lasse mich entspannen von der glatten Haut. …
Seitdem erinnert mich jeder Kastanienfund an meine Mutter.
Ich liebe meine Jahreskastanien
… aber wie fühlt sich unsere Beziehung wohl aus Sicht der Kastanie an?
Ich habe sie einfach mal gefragt und bin beeindruckt über das, was sie mir erzählte:

Eine Kastanie erzählt:
Bis vor ein paar Wochen ging es mir noch gut, wobei ich zugeben muss, dass mir mein Zeitgefühl schon längst abhandengekommen ist. Ich merke eigentlich nur am schrumpeligen Zustand meiner Schale, dass die Zeit vergeht. Auch einen Riss habe ich neulich entdeckt, ach ja.
Wie war es doch so schön, als ich noch freie Luft atmen konnte, Sonne und Mond anschauen und den Wind spüren. Bis da plötzlich diese Hand kam und mich prüfend aufhob. Ich war doch gerade erst aus meiner Hülle herausgepurzelt, ein bisschen hart aufgekommen, aber noch hübsch rund und glänzend. Das fand meine Betrachterin wohl auch. Nach kurzem Hin- und Herdrehen steckte sie mich dann in die Jackentasche.
Aber nicht, dass du glaubst, dort hätte ich mich jetzt von dieser ungewollten Ortsveränderung erholen können. Nein, im Gegenteil. Dauernd krabbelte ihre Hand wieder zu mir hinein und nahm mich in die Hand, drehte mich immer wieder hin und her, nahm mich aber leider nicht wieder mit hinaus.
Ich war froh, als die Schaukelbewegungen, von denen mir langsam schon übel wurde, nachließen. Es war ruhiger, ja fast völlig still geworden. Ich richtete mich darauf ein, nun mein Lebensende erreicht zu haben.
Ich täuschte mich, das Erlebte wiederholte sich von nun an immer wieder. Schaukeln in der Jackentasche, Krabbelbesuche der Hand. Mal kühler, mal wärmer und dann gibt es wieder Ruhephasen. Wie es wohl mit mir weitergeht?
Manche von uns werden verloren, manche verschenkt. Irgendwann gehen wir übrigens auch wieder, unauffällig, fast heimlich. Sind einfach weg und tauchen manchmal unerwartet im folgenden Herbst in irgendeiner Jackentasche wieder auf. Deutlich gealtert und geschrumpft. Wärme spenden wir aber immer noch beim Anfassen.
Ein Kreislauf
Ja, ich liebe meine Jahreskastanien.
Die frisch gefundenen genauso wie die wiederentdeckten. Sie erinnern mich an fröhliche Kinderzeiten, trösten mich an herausfordernden Tagen und machen mich immer wieder auf den Kreislauf der Natur aufmerksam, der uns zeigt, dass auch eine schrumpelige Kastanie noch Wärme schenken kann.

Ich bin Theologin, Pädagogin und Coach
und auch Künstlerin, Bloggerin und Wahl-Ostfriesin.
Mit viel Herz zum Zuhören, Trösten, Mut machen und Fragen stellen
motiviere ich, unterstütze beim Gedanken sortieren und verbreite Freude.
Dafür verschenke ich auf meinem Blog Lächel-Impulse für mehr Lebensfreude
und sende monatlich am 27. meinen Lächel-Letter in die Welt, den Du hier abonnieren kannst.
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