Erlebnis mit einer Tür

👉 zur Audio-Version (2:36 Min.)

Sie geht nicht auf.

Ich nehme all meine Kraft zusammen, aber sie geht nicht auf. Hinter mir wird gemurmelt und getuschelt, es wird gedrängelt. Trotzdem kriege ich sie nicht auf.
Ich drücke auf den grünen Knopf, sicher zum siebten, achten Mal, aber es passiert nichts.

Bis eben noch hatte ich mich gefreut, früh genug aufgestanden zu sein. Alles Herumliegende in Taschen und Rucksack eingeräumt zu haben. Bepackt wie ein Lastesel bin ich zum Ausgang gegangen.

Erste!” mit schelmischem Lachen freue ich mich über den Platz an der Tür. Bis eben jedenfalls.

Bestimmt stehen wir jetzt schon eine Minute hier im Bahnhof. Eigentlich hält der Zug hier doch maximal zwei Minuten. Das wird langsam knapp. Der wird doch nicht etwa weiterfahren, ohne dass ich aussteigen kann.

Mein Urlaub, auf den ich mich seit einem halben Jahr freue. Ich sehe ihn schon zwischen den Fingern zerrinnen, wie die Zeit. Langsam werde ich ein bisschen panisch, denn ich sehe, dass hinter mir einige schon umdrehen und sich zur nächsten Tür auf den Weg machen. Soll ich auch lieber dorthin gehen? Aber das schaffe ich vielleicht gar nicht mehr.

Warum hilft eigentlich von draußen niemand mit beim Öffnen? Vielleicht funktioniert das ja besser.

Ich schaue aus dem Fenster. Da ist aber niemand. Da ist überhaupt niemand. Da ist noch nicht einmal ein Bahnhof.

Jetzt kommt die Durchsage: “Meine Damen und Herren, wir sind in der Bahnhofseinfahrt noch einmal ungeplant zum Halten gekommen, weil derzeit alle Gleise belegt sind. Wir werden die Fahrt sicher gleich fortsetzen. Danke für Ihr Verständnis.”

Mein Gott, komme ich mir gerade blöd vor.
entstanden im April 2025
im Schreibrefugium von Anke Spory über Türen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner