Das Wunder am Bahnsteig

👉 zur Audio-Version (2:55 Min.)

Ich begegnete ihm auf dem Bahnsteig.

Frankfurt Hauptbahnhof, S-Bahn-Gleis Richtung Rüsselsheim.
Auf dem Weg zur Arbeit muss ich hier umsteigen und wieder einmal ist mein Zug aus Langen verspätet angekommen und die S9 bereits weg.
Wieder einmal wird der Arbeitstag gehetzt beginnen, die 20 Minuten, die ich zu spät komme, werden mir den ganzen Tag fehlen. Kenne ich ja schon.

Wie gut, dass hier wenigstens kein Regen oder Kälte die Wartezeit vermiesen.

Der Bahnsteig ist voll und füllt sich weiter. Klar, Berufsverkehr. Fast alle schauen in ihre Handys, lesen Nachrichten oder schreiben Mails, informieren sich über Börsenkurse oder Sportergebnisse.

Ich ärgere mich wieder einmal, dass ich mich als Opfer der Umstände fühle. Schließlich macht das die Sache ja nicht besser.

Da höre ich es.
Ein Geräusch, das nicht hierher gehört.
Irgendwie störend, aber auch wieder nicht.
Eine menschliche Stimme, aber kein Telefonat.

Leise und dennoch unüberhörbar
Eine Melodie
Ein Lied
Ich erkenne es

Amazing Grace

Mich überfallen gleich mehrere Impulse und Gefühle.
Wie ein sanfter Regenschauer fließen sie an mir herab.
Freude, Trauer, Sehnsucht, Erinnerungen, Mitsingenwollen, Verbundenheit.
Ich kann und will mich gar nicht davon lösen.
Mein Kopf und Herz singen mit, meine Stimme wagt es noch nicht.

Meine Augen suchen die Sängerin und entdecken sie, mit ihrem Kind auf dem Arm, das sie beruhigt und damit uns allen die Chance auf diese tiefe musikalische Begegnung gewährt.

WUNDERvoll
entstanden im Juni 2025
im Schreibrefugium von Anke Spory über Begegnungen

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