Wertvoll

“Dieser Weg war nicht glanzvoll, aber wertvoll.”
Der Impuls aus der 71. Blognacht von Anna Koschinski katapultiert mich zurück ins Jahr 1974.

eine alte Straße in Rom
Ich sehe meine Füße die Via Appia Antica entlang gehen und spüre den Staub der Jahrhunderte nicht nur unter sondern auch auf meinen Füßen.

Vom Glanz vergangener Zeiten ist nichts zu sehen. Pflasterstein reiht sich an Pflasterstein. Ausgetreten, von Wagenrädern mit tiefen Rillen gezeichnet, erzählt dieser Weg Geschichten von Schmerz und Triumph, von dunklen und von prächtigen Zeiten.
Die können wir auch erzählen, von den letzten 10 Tagen. Wir sind kurz vor dem Ziel, auf einem Weg, der vor 200 km in Assisi begann. Mit 30 Füßen, 15 Rucksäcken, 2 Holzkreuzen und einer Gitarre sind wir gestartet.

Das Ziel ist der Petersdom – und heute werden wir ihn sehen.
Diese 10 Tage waren staubig, schmerzvoll, heiß und entbehrungsreich. Pilgern ist nicht glanzvoll, ist kein Triumphmarsch. Zumindest nicht von außen betrachtet. Aber jeder Kilometer mit Blasen an den Füßen und knurrendem Magen ist ein Gewinn, jeder Schweißtropfen beim Anstieg zum nächsten Etappenziel lohnt sich, denn innendrin wächst etwas in jedem von uns.

Die Entdeckung, wer ich selbst bin, woher ich Stärke nehme, wenn die Reserven schwinden. Ich trainiere nicht nur Bein- und Rücken-Muskeln sondern auch Entscheidungsmuskeln. Welchem meiner 1000 Gedanken will ich beim Wandern in Stille Aufmerksamkeit schenken um ihn mitzunehmen auf den weiteren Weg nach Rom und ins Leben – und welcher darf zurückbleiben auf den Feldwegen und Schotterstraßen Umbriens.
Der weite Blick über die Landschaft, die sanften Hügel, die stolzen Zypressen und das gleichförmige Gehen weiten meine Wahrnehmung und verbinden mich mit der Natur. Ich singe den Sonnengesang von Franz von Assisi jetzt anders. Ich verstehe nicht nur, ich spüre ihn.

Niemand von uns kehrt zurück wie er oder sie gestartet ist. Neben sonnengebräunter Haut, Sehnsucht nach einem Vollbad und einem Festmahl nehmen wir wertvolle Schätze mit nach Hause: Geduld, Demut, Selbstvertrauen, Dankbarkeit.
Mein Herz und meine Seele haben vollgetankt, mein Rucksack ist leer geworden, der mitgenommene Proviant aufgegessen. Ich fülle den entstandenen Raum mit einer großen Wassermelone.

Hörversion Sonnengesang: Angelo Branduardi: Il Cantico delle Creature
Bildquellen: Via Appia Antica: Kleuske auf Wikipedia
Wassermelone: Togo auf Wikipedia

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