Über die fast vergessene Kunst des Däumchendrehens

Hommage an eine einfache Frau
mit viel Persönlichkeit, einem Kleppermantel und einem großen Herz.

👉 zur Audio-Version (4:30 Min.)

“Tante Weschke” nannten wir sie, als wir Kinder waren. Sie war die Patentante meines jüngeren Bruders und eine äußerst merkwürdige Frau mit einem eigentümlichen Geruch. Fast zu jeder Jahreszeit trug sie ihren Kleppermantel, allein der machte schon 2/3 ihres Spezialgeruchs aus und erzeugte merkwürdige Geräusche.

Sie stammte aus der Rhön und hatte wohl kein einfaches Leben. Ihr Alter kenne ich nicht- ihr Grab schon. Ich erinnere, dass ich als Kind ein oder zweimal bei “den Weschkes” übernachtet habe – weil meine Eltern auf irgendeiner Feier waren. Dabei lernte ich auch ihren Mann kennen – in meiner Erinnerung trägt er ein Feinripp-Unterhemd und eine Hose mit Hosenträgern. Klein, rund und mit Glatze. Ich fühlte mich nicht besonders wohl in seiner Gegenwart, er war mir zu schweigsam und einschüchternd. Fast wie Onkel Werner, der Schwager unserer Mutter. Wahrscheinlich waren die Männer “damals” häufiger so.

Vielleicht hatte Herr Weschke zuhause etwas zu sagen – draußen gab seine Frau den Ton an. Sie kannte fast jeden Straßenbahnfahrer in Kassel mit Namen und den gesamten Fahrplan auswendig. Sie strickte Socken und Kniestrümpfe mit Zopfmuster und einem Umschlag mit Mäusezähnchen-Muster fürs Gummiband im Bündchen. Ich habe heute noch ein oder zwei Paar davon in der Schublade. Im Wollgeschäft bekam sie Großabnehmer-Rabatt und in der Tchibo-Filiale, die damals noch keine Joggingkleidung oder Handschuhe verkaufte, war sie namentlich bekannt. Sie kaufte immer dieselbe Kaffeemischung und verschenkte ein Bonbon an jede Mitarbeiterin im Laden; im Winter Eukalyptus und im Sommer Karamell.

Sie besuchte uns mehrmals in der Woche, saß ein paar Stunden mit am Küchentisch, strickte Socken oder auch mal eine Strickjacke und war Gesprächspartnerin für unsere Mutter. Sie hatte keine eigenen Kinder und kümmerte sich rührend um meinen Bruder, der bei ihr immer erstaunlich “brav” war. Ansonsten hatte er oft den Stempel, unbezähmbar zu sein, was vor allem auf dem Unverständnis seiner Behinderung beruhte.

Sie wohnte am anderen Ende der Stadt und kam mit der Straßenbahn. Oft brachte sie uns Erfrischungsstäbchen mit – gefüllt mit diesem unvergleichlichen Flüssigsirup in Zitronen- oder Orangen-Geschmack. Oder Prinzenrolle mit Schokofüllung. Kuchenbacken war nicht ihr Ding – das konnte unsere Mutter aber sehr gut, und so wurden Kekse gegen Bienenstich und Käsekuchen getauscht.

Von Tante Weschke – ihr Vorname war übrigens Adelheid und gerufen wurde sie Adele – lernte ich das Däumchendrehen. Nicht dass sie besonders viel Zeit dafür hatte – aber ihre Hände brauchten immer Beschäftigung und Bewegung. Wenn also ausnahmsweise kein Strickzeug vorhanden war – oder gerade keine Wolle mehr zur Hand – dann wurden die Hände im Schoß gefaltet und die Daumen umeinander gedreht. Immer im Wechsel – einige Male vorwärts und dann wieder zurück. Bisher habe ich noch nicht nachgeforscht, ob tatsächlich irgendeine erwiesene Wirkung damit verbunden ist, mindestens aber wurden so die Daumengrundgelenke gut geschmiert.

Das brauche ich inzwischen auch, besonders nach langen Website-Orgien mit der Maus. Neuerdings beobachte ich bei mir automatisch einsetzende Daumenbewegungen – vorwärts – und rückwärts. Und mein Strickzeug habe ich vor kurzem auch mal wieder in der Hand gehabt. Gibt es eigentlich noch Erfrischungsstäbchen?

Danke, Tante Weschke!

P.S.: Laut Wikipedia steht “Däumchen drehen” umgangssprachlich für Nichtstun und Langeweile, kann jedoch auch Nervosität abbauen. Das Wechseln der Drehrichtung soll die Kommunikation der beiden Gehirnhälften fördern.

Collage mit Fotos von Straßenbahn Kleppermantel und Süßigkeiten

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