Alles wird gut

Alles gut?
Alles wird gut!
Ganz sicher wird irgendwann alles wieder gut,
denn Ende gut, alles gut.

Beobachtungen und Nachdenklichkeiten
am Rande einer Konfirmationsfeier.

Komm, ich puste mal …

Mama macht alles wieder gut

Sonntag Mittag. Wir sitzen im Restaurant, haben die Suppe gerade ausgelöffelt und warten auf das, was man so Hauptgang nennt. Dass es dann nicht das Erwartete geben wird, soll in einer anderen Geschichte Platz finden.

Hier sitzen gerade einundzwanzig Personen um den großen ovalen Tisch herum, der festlich-freundlich geschmückt ist, wie die Menschen. Drei Generationen, acht Jahrzehnte, sechs kleinere Kinder, Eltern, Großeltern, Stiefeltern, Cousinen, Cousins, Onkel, Tanten und Paten – und ein Jugendlicher, der gerade seinen ersten richtigen Anzug trägt, stolz und aufgeregt alle mit einer Mini-Tischrede begrüßt hat, und den ganzen Tag vor sich hin und in die Runde strahlt. Konfirmations-Stimmung halt.

Die Kirchenzeremonie liegt hinter uns, die Kinder dürfen sich endlich wieder bewegen und ungebremst Lärm machen oder mal streiten. Wie das eben so ist, wenn Zwei- bis Zehn-jährige aufeinander treffen, die gerade eineinhalb Stunden „brav“ waren.

Der Kleinste ist gerade unter dem Tisch unterwegs, kreuz und quer mit Aufziehautos spielend. Inklusive Karambolagen. Rrrrums! Leider treffen sich diesmal Kopf und Tischbein. Natürlich setzt Weinen und Schreien ein. Alle hören den Schmerz und leiden selbst ein bisschen mit und die Mama kriecht unter den Tisch und tröstet.

In meinem Kopf läuft ein kleiner flashback – Film ab. Ein Kind fällt hin oder stößt sich an einer Schranktür. Schmerz und Schreck – und Mama rettet. Ich sehe mich als Kind, ich sehe mich als Mama, ich sehe mich als Oma – die Filme ähneln sich stark.

Manchmal ist es auch Papa oder Opa, immer geht es um Trost und Fürsorge. Ich höre in der Erinnerung den Satz „komm, ich puste mal!“ Und das Pusten half. Egal, ob das Knie aufgeschlagen war oder der Kopf eine Beule hatte, Pusten half gegen Schmerz und Schreck.

Unter dem Tisch beruhigt sich die Situation ebenfalls. Ob auch hier Pusten im Spiel war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Irgendeine Form des Trostes hat gewirkt.

Alles ist wieder gut.

Alles gut?

Was heißt eigentlich gut?

Einmal in Gang gesetzt, kommt meine Denkmaschine noch nicht so leicht wieder zur Ruhe. Ich bleibe an dem oft gesagten und gehörten „Alles gut“ hängen. Ich benutze es selbst sehr häufig. Manchmal als Frage, manchmal als Aussage – unterscheidbar lediglich an der Satzmelodie.

Einige Male bin ich mit dem Satz bereits angeeckt, weil das Gegenüber ihn nichtssagend oder unpassend fand. Jetzt bin ich scheinbar selbst an dem Punkt angekommen, wo ich das so empfinde. Was ist denn eigentlich dieses „gut“ und was heißt „alles“? Was für einen Blödsinn gebe ich da so unbedacht von mir, wenn ich die beiden Worte verbinde.

Zurück zur Konfirmationsfeier. Die leitende Servicekraft kommt herein und tut genau das – sie fragt: „Alles gut?“ Allgemeines Nicken, Ja-Murmeln und Zufriedenheitsgeräusche sind die Antwort der Gruppe voller Vielfalt von Generationen, Altersgruppen, Lebensentwürfen, Träumen und Begrenzungen.

Meine Gedanken gehen erneut auf Fantasiereise und mutmaßen, was wohl die Anwesenden bei dem Satz „Alles ist gut“ empfinden …
… die Eltern des Konfirmierten denken vielleicht „alles hat geklappt, die Gäste sind zufrieden, ich kann durchatmen.“
… der Konfirmierte selbst „endlich kann ich das Sakko ausziehen und mich wieder bequem hinsetzen – jetzt stehe ich nicht mehr unter Dauerbeobachtung.“
… die Eltern der Kleinkinder „die Spielecke hier im Raum ist super, da müssen die Kids nicht dauernd am Tisch sitzen.“
… die ältere Generation „die Stühle sind gut, da halte ich auch zwei Stunden drauf aus. Hoffentlich gibt es leckeres Essen.“

Alles ist gut – als Übersetzung eines entspannten allgemeinen Wohlgefühls, als kleine Urlaubsminute mitten im Tag? Die kleine Lücke im Alltag, das Auge im Anforderungssturm, die Auszeit von Planungen, Terminkalender und Telefonklingeln?

Sollte „Alles ist gut“ etwa die neue Kurzformel für Achtsamkeitsmomente sein?

Wenn es so ist, gewinne ich dem Floskel-Satz ja doch noch etwas Positives ab. Solange er mit ein bisschen Ernsthaftigkeit gesagt und nicht nur als Kommunikationsverweigerung und Schutz vor weiteren Nachfragen eingesetzt wird, ist tatsächlich Alles gut.
Altar in der Kirche St. Nicolai in Wittmund
St Nicolai Wittmund

Alles wird gut!

Wenn Du glaubst, es geht nicht mehr …

... kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Der plumpe Kalenderspruch war mir immer zuwider. Er hing an der Kellerwand eines Hauses in Südhessen, in dem ich jahrelang zur Miete wohnte. Irgendwann war die Lebenssituation völlig festgefahren, alle Lösungsmöglichkeiten erschöpft, alle helfenden Hände schon über die Maßen strapaziert; gefühlt stand ich mit dem Rücken an der Wand und wusste nicht mehr weiter. Wieder einmal fiel mein Blick auf den Spruch – ich las ihn noch intensiver als sonst – und fühlte mich von ihm förmlich ausgelacht.

Am selben Abend kam mir eine neue Lösungsidee, die tatsächlich alles Weitere ins Rollen brachte. Bewegung war wieder möglich, ein Ausweg tat sich auf, am Ende des Tunnels war Licht zu erkennen.

Alles wird gut – anders, aber gut.

Alles wieder gut?

Sehnsucht nach dem Vertrauten

Menschen werden krank, Menschen werden alt. Lebenskrisen und Schicksalsschläge ziehen uns manchmal den Boden unter den Füßen weg. Trennungen und Verluste von Arbeitsplatz, Geld, Wohnung oder geliebten Menschen müssen verkraftet werden.

Die Phasen von „mir geht es nicht gut“ werden häufiger und länger. Nach angemessener Zeit, oder in Unkenntnis der Ereignisse oder schweren Diagnosen kommen dann die Fragen: „geht’s Dir wieder gut?“ Welche Erwartung verbirgt sich eigentlich in diesem nur scheinbar kleinen Satz?

Meine Gedanken schweifen zurück zu den ersten Monaten dieses Jahres. Mein Herzensmensch war heftig erkrankt, es gab keine klare Diagnose, viele Notfallmomente, nichts war wirklich gut. Da half kein Pusten, es gab keine Mama zum Trösten, aber es gab diesen leisen Gedanken, der flüsterte „es wird alles wieder gut.“ Im Rückblick erkenne ich die Absurdität dieses Gedankens und gleichzeitig seine energiespendende Hoffnungsintention.

Was ich mit dem „alles wird wieder gut“ Gedanken verband? Schlicht und einfach, dass alles wieder so wird „wie vorher“. Es möge einfach der bisherige Zustand wieder eintreten. Eine Zeitmaschine solle die Krankheitsphase bitte einfach ausradieren.

Schlagartig wird mir klar, dass ganz tief in uns immer der kindliche Wunsch steckt, es möge nach einer schweren Zeit alles wieder so sein wie vorher – es möge „alles wieder gut“ sein. Natürlich geht das nicht. Das, was wir verloren haben (Geld, Menschen, Pläne, Beweglichkeit, Gesundheit, etc.), kommt nicht wieder. Die Zeit läuft immer vorwärts.

Leben ist Veränderung und vielleicht ist es genau deshalb irgendwann auch wieder gut – auf eine neue Art und Weise.

Alles wird anders – alles wird wieder gut – alles wird neu gut.

Ende gut, alles gut

Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende

Ob ein Mensch „ein gutes Leben“ hatte, bewerten wir mit individuellem Maßstab und eigener Fantasie. Für manche ist es Sorgenfreiheit, für andere Sinnerfüllung, für einige Wohlstand und Anerkennung oder vielleicht liebevolles Aufgehobensein in einer Gemeinschaft.

Meine Gedanken durchfliegen gerade eine graue Wolkenzone. Von außen betrachtet scheint nicht jeder Mensch beim letzten Atemzug das Gefühl eines „guten Lebens“ auszustrahlen. Nicht immer ist vermutlich „am Ende alles gut.“ Mir bleibt die Hoffnung, dass es nicht darauf ankommt, was wir von außen sehen können.

Wie wird das bei mir sein und bei den anderen hier am Tisch? Gedanken an die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens an sich und jedes Einzelnen stellen sich immer wieder ein. Und damit bin ich nicht allein. Drei Generationen, das Abbild des Lebens, die Gleichzeitigkeit aller Lebensphasen. Nirgends könnte man besser sehen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Jedem von uns ist am Ende der Tod sicher. Solange wir noch leben, können wir Augen und Ohren öffnen für das, was schon gut ist und für das, was noch gut werden kann – und auch für das, was nicht mehr gut ist, mit dem wir uns aber arrangieren und versöhnen können. Mit Blick auf das Ende, an dem alles gut sein soll.

Die Servicekraft kommt wieder herein, erwartungsvolles Raunen der immer noch hungrigen Gäste auslösend, und balanciert Platten voller Köstlichkeiten. Ich beende den Gedankenausflug und wende mich ganz dem Hier und Jetzt zu. Das Denken hat Pause – mindestens bis nach dem Dessert.

Was die Menschen am Esstisch der Konfirmationsfeier über das Ende ihres Lebens denken? Ob sie damit rechnen, dass dann „alles gut“ ist?

Keine Ahnung – ich habe sie nicht gefragt.

In diesem Sinne: Alles Gute für Dich!

Passendes Fundstück aus dem Netz zum Thema:
„Alles gut“ auf literaturkritik.de
von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim

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