Der rätselhafte Grenzwald – Blick von der anderen Seite
ein Gastbeitrag von Anita Sterr
Der Wald war immer ein Ort der Sehnsucht für mich. Seine kraftspendende Atmosphäre und seine geheimnisvollen Geschichten zogen mich schon als Kind in seinen Bann.
Als kleines Mädchen liebte ich es, meinen Opa nur für mich zu haben und mit ihm spazieren zu gehen. Er nahm meine kleine Hand in seine große kräftige Hand und ich stapfte munter drauf los, um seinen Schritten folgen zu können.
Von unserem Haus sind es nur wenige Hundert Meter bis zum Wald. Die riesigen Bäume, die mal wuchtig und verkrümmt, mal hell und mit glattem Stamm mir entgegenschauten, waren meine Freunde. Sie strahlten tiefe Ruhe und eine schützende Energie aus. Wenn der Ostwind durch die hohen Gipfel fuhr, dann klang es wie eine Art schaurig-betörender Gesang, wie eine Erzählung aus fernen Zeiten.

Manchmal begleitete ich Großmutter in den Wald, meistens zum Pilze suchen. Sie trug den großen Korb und ich folgte ihr mit meinen kleinen Füßen, die in roten Gummistiefeln steckten. Aufmerksam lernte ich von ihr, zu unterscheiden, welche Pilze genießbar waren und welche giftig. Als Einheimische kannte sie die „guten“ Stellen, an denen frische Steinpilze oder leuchtende Rotkappen schon auf uns zu warten schienen. Dazu ein paar herrlich gelbe Pfifferlinge, die perfekt zu unserer Pilzmischung passten, und wir waren zufrieden.
Abends gab es dann eine lecker duftende Pilzsuppe mit Semmelknödel. Oder geröstete Pilze mit Rührei und Petersilie. Der köstlich-vertraute Duft der Erinnerung liegt in meiner Nase, wenn ich an Oma denke, wie sie am Herd stand und für uns kochte.

Zuweilen unternahm ich mit den Nachbarskindern einen Abstecher in den Wald. Dann war Oma immer besorgt. „Geh nicht zu weit in den Wald und halte dich ja von der Grenze fern“ trichterte sie mir mit ernster Miene ein. Die tschechische Grenze ist nur 2 km von unserem Haus entfernt. In meinen Kindertagen gab es dort noch Türme mit Grenzposten. Wenn sich jemand zu nahe an diese Posten heranwagte, dann wurde scharf geschossen. Ich habe das nie erlebt, aber zweifelsfrei habe ich die Warnungen meiner Oma immer ernst genommen.
Diese Grenze und die Angst, zu tief in den Wald einzudringen, waren jahrzehntelang fester Bestandteil unseres Lebens. Nur wenige Kilometer auf überwucherten Pfaden und die Welt war für uns zu Ende.

Im Teenager-Alter schaute ich oft fasziniert ostwärts und dann blieb mein Blick an einem Turm auf einem Berg hängen. Es war mir ein Rätsel, warum mich der Čerchov (in deutsch Schwarzkopf) mit seinen 1042 Metern so unwiderstehlich anzog, war doch dieses Gebiet in jenen Jahren absolute Sperrzone für uns.
So blieb lange Zeit diese stille Sehnsucht in mir, einmal hinaufzuwandern und von diesem Turm zu unserem Haus herüberzublicken. Ohne Bedenken mal die Perspektive zu wechseln, um zu sehen, wie unsere Gegend von dort aus auf mich wirkte.
Nach dem Mauerfall wurden gleichermaßen bei uns die Grenzzäune abgebaut. Die neue Situation erweckte seltsame Gefühle in uns. Auf einmal war hier nicht mehr das Ende, sondern der Anfang einer für uns nahezu unbekannten Welt. Mit vorsichtiger Neugierde erkundeten wir das Grenzgebiet. Nur zögerlich trauten wir uns in die grenznahen Ortschaften auf tschechischer Seite. Der Čerchov blieb trotzdem noch einige Jahre tabu für uns.

Mit 18 Jahren zog ich nach Regensburg, um dort die ersten 10 Jahre meines Erwachsenenlebens zu genießen. Dann wanderte ich nach Italien aus und vergaß für eine Weile meinen jugendlichen Traum. Vor 6 Jahren, als ich zurück nach Waldmünchen in das ehemalige Haus meiner Großeltern zog, kam mir mein Wunschtraum wieder in den Sinn.
Endlich realisierte ich mein Vorhaben, diesen Berg auf der tschechischen Seite zu besteigen, um unsere Welt von dort aus zu betrachten. An einem sonnigen Tag im August packten mein Mann und ich die Rucksäcke, um 11 Kilometer durch den böhmischen Wald bis zur Bergspitze zu wandern.
Sobald wir die ersten Bäume erreicht hatten, umfing uns der frische Duft der Fichten und Buchen. Die Bewegung im kühlen Schatten der Bäume belebte angenehm unsere Sinne. Die bezaubernde Energie des Waldes klärte Schritt für Schritt unsere Gedankenwelt. Am Gipfel angekommen, konnte ich es kaum erwarten, über die Baumwipfel hinweg unser Dorf zu erblicken. Nach einiger Zeit entdeckte ich die kleine Ortschaft und ein wohliges Gefühl durchzog mich.
Nach so vielen Jahrzehnten, in denen ich sogar andere Erdteile bereist hatte, durfte ich endlich diese Perspektive erleben. Der Blick auf unser Haus von der anderen – der tschechischen Seite. Und dann erst begriff ich, warum ich hierher kommen musste.

Eine tiefe innere Entschlossenheit breitete sich in mir aus: Grenzen sollten für mich keine Hindernisse mehr darstellen. Weder die Barrieren im Außen, die ich schon immer auf meine Art durch das Erlernen von anderen Sprachen und das Entdecken von fremden Kulturen überwunden hatte. Noch die Grenzen in mir, die durch alte Ängste, Zaudern und Grübeleien entstanden waren. Mein Blick sollte frei, mutig und klar sein. Grenzenlos meinem weit offenen Herzen entspringen.

Seitdem ist dieser Gedanke fest verankert in mir. Trotzdem kommt es mal vor, dass mein innerer Kompass vom Nebel getrübt ist, dass ich wanke und eine Abzweigung verpasse. Oder dass ich wegen ein paar Steinen auf meinem Pfad ein wenig strauchle. Dann ergreife ich gerne eine helfend ausgestreckte Hand und folge dem Hinweis auf einen mir verborgenen Blickwinkel. Mit erweiterter innerer Landkarte durchquere ich langsam den dichten Nebel und erreiche zunehmend leichteren Schrittes die andere Seite. Dort halte ich inne, beobachte und staune: Lichtdurchdrungen liegt er jetzt vor mir, mein eigener Weg.

Wenn ich heute den Wald durchquere und an einem für mich stimmigen Plätzchen kurz verweile, dann nehme ich intensiv meine tiefen Wurzeln, mein strahlendes Licht und meine innige Liebe wahr. Beim nächsten Spaziergang nimm dir Zeit für ein paar kräftige Atemzüge und lausche deiner inneren Melodie. Spürst du sie? Ein zarter Windhauch kann Verborgenes entschleiern. Er streichelt beim Vorbeihuschen sanft über unseren Rücken.





